Das Konzept

Die Zielsetzung

Die NRW-Initiative „Kurve kriegen“ zielt darauf ab,  besonders kriminalitätsgefährdete Kinder und junge Jugendliche so früh wie möglich zu erkennen und sie durch individuelle, passgenaue Reaktionen und Maßnahmen vor einem dauerhaften Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren.

Bei der Auswahl der Zielgruppe geht es neben der Feststellung der Art und des Umfangs strafrechtlicher Auffälligkeiten insbesondere auch um die Berücksichtigung der Lebensumstände dieser Kinder und jungen Jugendlichen, denn Problembelastungen (sog. Risikofaktoren) können  maßgebliche Ursachen für die Entstehung und Entwicklung manifestierter Kriminalität sein.

Zur Erreichung der Ziele arbeitet die Polizei mit anerkannten Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe zusammen. Diese stellen per Dienstleistungsvertrag pädagogische Fachkräfte (PFK) zur Verfügung. In Abstimmung mit den Jugendämtern bieten die PFK gezielte Unterstützung für Kinder und junge Jugendliche, die auf freiwilliger Basis an der Initiative „Kurve kriegen“ teilnehmen. Sie ermöglichen individuelle und frühzeitige Hilfeangebote, die langfristig kriminalpräventiv wirken sollen.

Im Rahmen von „Kurve kriegen“ können die PFK für die Teilnehmer/innen auch Angebote und pädagogische Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort einbeziehen.

Das Fachkräfteteam aus PFK und PAP (Polizeilicher Ansprechpartner)

Die PFK steht unter der Dienst- und Fachaufsicht ihres Arbeitgebers (anerkannter Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe). Sie hat ihren Arbeitsplatz in den Räumen der Kreispolizeibehörde, in unmittelbarer Nähe zum PAP. Diese Anbindung dient, unter Beachtung datenschutzrechtlicher Vorschriften, dem unmittelbaren und kontinuierlichen Informationsaustausch. Den PFK obliegen eigenverantwortlich die Planung und Einrichtung von unterstützenden Angeboten und pädagogischen Maßnahmen für die Teilnehmer/innen. Adressaten von unterstützenden Angeboten und pädagogischen Maßnahmen sind in erster Linie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Daneben können auch deren Familienangehörige bzw. Peer-Group an Maßnahmen teilnehmen, sofern dies aus kriminalpräventiven Gründen erforderlich ist.

Der PFK steht in jeder Behörde ein fester polizeilicher Ansprechpartner (PAP) zur Seite. Der PAP ist ein im Bereich Jugendkriminalität und Kriminalprävention erfahrener Kriminalbeamter, der die Initiative vor Ort koordiniert.

Die Aufgaben des PAP sind dabei insbesondere:

  • Fester Ansprechpartner für die pädagogische Fachkraft
  • Koordination/Durchführung der Auswahl potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer (Risikoscreening)
  • Koordination/Durchführung der Akquise von Teilnehmerinnen und Teilnehmern
  • Zentraler inner- und außerbehördlicher Ansprechpartner für alle Angelegenheiten, die die Initiative betreffen
  • Kontinuierlicher Austausch mit der pädagogischen Fachkraft/den pädagogischen Fachkräften

Die Zielgruppe

Teilnehmer/innen müssen:

  • das 8. Lebensjahr vollendet haben und dürfen bei Aufnahme höchstens 15 Jahre alt sein.
  • strafrechtlich in Erscheinung getreten sein. Grundsätzlich müssen mindestens eine (rechtswidrige) Gewalttat oder drei (rechtswidrige) Eigentumsdelikte bei der Polizei zur Anzeige gebracht worden sein.
  • erkennbar mit Risikofaktoren belastet sein. Diese sind beispielsweise:
    • Gewalterfahrungen im familiären Umfeld (häusliche Gewalt),
    • straffällige Sorgeberechtigte/Familienangehörige,
    • mangelnde Erziehungskompetenz der Sorgeberechtigten,
    • physische und/oder emotionale Vernachlässigung durch Sorgeberechtigte,
    • finanziell stark belastete Sorgeberechtigte,
    • mittelbare oder unmittelbare Suchterfahrung/Substanzmissbrauch,
    • fehlende Tagesstruktur,
    • soziale Exklusion,
    • unregelmäßiger Schulbesuch/Schulverweigerung,
    • geringe Frustrationstoleranz/hohes Aggressionspotential,
    • häufige Abgängigkeiten von Zuhause,
    •  „Außenseiterposition“ (Opfer von Mobbing),
    • straffällige Personen in der Peergroup,
    • ein kriminalitätsbelastetes Wohnumfeld.

Das Screening

Das Screening dient der Auswahl potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

In den Kreispolizeibehörden sind dazu standardisierte Verfahren etabliert, mit denen

  • strafrechtliche Auffälligkeiten und weitere Beteiligungen an angezeigten Sachverhalten (Zeuge, Geschädigte)

sowie

  • Vermisstenfälle

von Minderjährigen unter 16 Jahren z. B. via IGVP kontinuierlich ausgewertet und

  • die polizeibekannten individuellen Lebensumstände des Kindes/Jugendlichen hinsichtlich vorhandener Risikofaktoren

bewertet werden können.

Die sich anschließende Prognose der Kriminalitätsgefährdung erfolgt zunächst durch die Polizei unter Berücksichtigung der individuellen Gesamtumstände. Sie ist in der Regel dann negativ, wenn die erkennbar vorliegenden Risikofaktoren in ihrer Gesamtheit die Gefahr weiterer Straftaten und eine Entwicklung zum Intensivtäter/zur Intensivtäterin deutlich wahrscheinlicher werden lassen als einen  zeitnahen Abbruch des delinquenten Verhaltens

Die Akquise

Der Erstkontakt zum potenziellen Teilnehmer und seiner Familie erfolgt durch die Polizei. Dabei geht es im Wesentlichen darum,

  • die im polizeilichen Screening gewonnenen Eindrücke ergänzend zu prüfen,
  • sich einen Eindruck von der Wohn-und Lebenssituation des Kindes/Jugendlichen zumachen,
  • den Sorgeberechtigten und dem Kind/Jugendlichen die Aspekte der festgestellten Gefährdung deutlich zu machen,
  • die damit verbundene Sorge um die Entwicklung darzustellen (Gefahr der Verfestigung der Kriminalität, mögliche Szenarien),
  • die Initiative „Kurve kriegen“ vorzustellen, insbesondere das Prinzip der Freiwilligkeit, die Möglichkeiten und Grenzen des präventiven Ansatzes

sowie

  • für den Fall der Teilnahmebereitschaft die „Erklärung der Bereitschaft zur Teilnahme und zur Weitergabe unserer Personalien“ durch die Sorgeberechtigten unterschreiben zu lassen, damit die Personendaten sowie die Einwilligungserklärung im Original an die PFK weiter gegeben werden können.

Die PFK sucht die betreffende Familie im Anschluss an die polizeiliche Akquise auf. In einem persönlichen Gespräch (ergänzendes Screening) geht es im Wesentlichen darum,

  • persönliche Eindrücke von der Familie und dem Teilnehmenden zu gewinnen,
  • auf die Freiwilligkeit der Teilnahme hinzuweisen,
  • Funktion und Arbeitsweise der PFK zu erklären und die Sorgeberechtigten, sofern sie teilnehmen möchten, die „Einwilligungserklärung zur Datenverarbeitung“ unterzeichnen zu lassen.

Diese Unterschrift ermöglicht der PFK, mit anderen Behörden/Institutionen bezüglich dieses Teilnehmers in Kontakt zu treten, Daten zu übermitteln und sich abzustimmen.

Die weitere pädagogische Fallbetreuung (Maßnahmenplanung, Absprachen mit dem Jugendamt oder anderen Institutionen etc.) erfolgt nun teilnehmerorientiert durch die PFK.

Die teilnehmerbezogene Aufgabe der Polizei beschränkt sich ab diesem Zeitpunkt auf die kriminalpolizeiliche Sachbearbeitung bei weiteren rechtswidrigen Taten/Straftaten sowie die fortlaufende Information der PFK bzgl. neuer Straftaten oder sonstigem relevanten, polizeilich bekannt gewordenen Verhaltens (z. B. Vermisstenfall).

Teilnahmedauer

Die Aufnahme erfolgt zunächst für ein Jahr.

Nach Ablauf des ersten Teilnahmejahres können Verlängerungen um jeweils sechs Monate erfolgen. Dazu prüfen die Fachkräfteteams (PFK und PAP) kontinuierlich, insbesondere vor Ablauf des ersten Jahres der Teilnahme sowie danach vor dem jeweiligen Ende etwaiger Verlängerungen, ob weiterer Betreuungsbedarf besteht.

Die Teilnahme an der NRW-Initiative „Kurve kriegen“ endet mit

  • der Vollendung des 16. Lebensjahres,
  • dem erklärten oder durch schlüssiges Handeln dokumentierten Willen der Teilnehmer bzw. der Personensorgeberechtigten, nicht weiter an der Initiative teilnehmen zu wollen,
  • dem dauerhaften Wegzug aus dem Zuständigkeitsbereich der umsetzenden KPB
  • der Entscheidung des Fachkräfteteams, dass eine Fortführung/Verlängerung der Teilnahme nicht mehr notwendig ist (erfolgreicher Abschluss mit positiver Prognose).

Die Beendigung ist bedarfsorientiert mit einem Übergangsmanagement durch die PFK zu koppeln.

Mit Beendigung der Teilnahme sind sämtliche, aus datenschutzrechtlichen Gründen notwendigen Löschungen gespeicherter Daten vorzunehmen.

Datenschutz

Die rechtlichen Vorgaben des Datenschutzgesetzes des Bundes sowie des Daten-schutzgesetzes NRW sind zu beachten. Datenübermittlungen bedürfen einer Rechtsgrundlage oder einer wirksamen Einwilligung.

Der Datenaustausch im Rahmen der Initiative „Kurve kriegen“ basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Einwilligungserklärungen der Sorgeberechtigten bzgl. des Datenaustausches zwischen den beteiligten Akteuren sind für die Teilnahme erforderlich. Nur wenn die Sorgeberechtigten das Angebot annehmen und ihr Einverständnis zur Übermittlung der Daten an die PFK geben, werden die polizeilichen Daten in geeigneter Form an diese weitergegeben. Die weitere Aktenführung (pädagogische Falldokumentation) obliegt der PFK. Auch mit einer Einwilligungserklärung dürfen Sozialdaten nur einzelfallbezogen und unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit ausgetauscht werden.

Die PFK unterliegen nicht dem Legalitätsprinzip. Die im Rahmen ihrer Arbeit erhobenen weiteren Erkenntnisse zu den Teilnehmern/innen sowie deren Familie und Peer dienen der Erstellung eines Bedarfsprofils und der pädagogischen Fallbetreuung und dürfen (bis auf die durch Gesetz vorgeschriebenen Übermittlungen) nicht an die Polizei weitergegeben werden.