Was steckt dahinter?

Was ist das Erfolgsrezept dieses Programms?

Warum funktioniert „Kurve kriegen“ so gut?

Jörg Unkrig, Leiter der Initiative erklärt es gerne in Anlehnung an sein Hobby „Kochen“:

Bei dem Wort „Erfolgsrezept“ habe ich sofort Assoziationen zum Kochen. Mit „Kurve kriegen“ verhält es sich nämlich sehr ähnlich. Beim Kochen sind ein gutes Rezept, leidenschaftliche Köche, beste Zutaten und gutes Handwerkszeug die Determinanten des Erfolgs. Bei unserem Programm sind es unser strukturiertes Vorgehen, das Zusammenspiel bestens ausgebildeter und motivierter pädagogischer und kriminalistischer Fachkräfte, die Symmetrie von Ursachen und Maßnahmen und ein langer Atem“.

Wie es begann

Ganz am Anfang stand die Idee, Kriminalitätsgefährdungen so früh wie möglich zu erkennen und so wirksam wie möglich zu verhindern.  Bis dahin galten Intensivtäterkonzeptionen als das Mittel der Wahl; aber wie der Name schon sagt, ist die Einstiegshürde dieser Konzepte die Statuierung als Intensivtäter. Wie auch immer die bundesweit unterschiedlichen Definitionen dieses Typus auch waren, eines hatten sie gemeinsam: Die Zielgruppe war bereits strafmündig und schon weit gediehen. Das machte Interventionen schwierig, langwierig, teuer und häufig ultimativ, denn nicht selten war Haft, also die unbedingte Jugendstrafe als „ultima ratio“, das Mittel der Wahl, um kriminelle Aktivitäten (zeitweilig) zu unterbinden.

Als die NRW-Initiative im Sommer 2011 startete, war die Herangehensweise nicht unumstritten, denn im Fokus standen überwiegend Strafunmündige und das Zusammenspiel von Jugendhilfe und Polizei wurde neu strukturiert. Pädagogische Fachkräfte (PFK) von Trägern der freien Jugendhilfe wurden mittels Dienstleistungsverträgen (zwischen Polizei und Trägern) in die Arbeit der Polizei eingebunden, ihre Arbeitsplätze richteten sie in den Kreispolizeibehörden ein.
Und wie immer wenn etwas neu ist, gab es natürlich einige Bedenken und Vorbehalte.
In erster Linie ging es dabei um Kompetenzen, Zuständigkeiten und Aufgaben sowie deren vermeintlicher Vermischung. Es waren zumeist sachliche, bisweilen aber auch ideologisch geführte Diskussionen, die wir führen mussten und wollten und zurückblickend kann zu Recht behauptet werden, dass jedes einzelne dieser Gespräche uns alle immer ein Stück weitergebracht hat. Wir haben diese Prozesse nie als lästig oder hinderlich empfunden, sondern als wichtig und notwendig, denn im Grunde ist es wie in der Fliegerei: Flugzeuge heben gegen den Wind ab.

So wurden einerseits die Grenzen, Beschränkungen und Problemfelder klar, andererseits aber auch die vielfältigen Möglichkeiten und die große Flexibilität der Initiative.

Die bereits sehr frühzeitig einsetzenden Evaluationen bestätigten letztlich unsere Annahmen und attestierten neben der Wirksamkeit auch die hohe Wirtschaftlichkeit der Initiative, wenngleich in diesem Zusammenhang auch zahlreiche „Baustellen“ und „Kinderkrankheiten“ sondiert festgestellt wurden. Seinerzeit ein bisschen ein „gefundenes Fressen“ für unsere Kritiker, denn Anlaufhindernisse wurden  als Schwachstellen gedeutet und die darauf abzielenden Handlungsempfehlungen der Wissenschaftler als Zeugnis des Misserfolgs.  Dabei wurde verkannt, dass genau das, nämlich das Aufzeigen von Optimierungspotenzialen, ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Ziel von Evaluationen ist. Genauso hielten wir es mit diesen Empfehlungen aus Praxis und Wissenschaft: Wir haben sie alle umgesetzt.
[…]…Kinderkrankheiten konnten recht schnell behoben werden…[…], so Prof. Dr. Thomas Bliesener.

Damit aber nicht genug. Darüber hinaus, wurden die Prozesse weiterhin ergänzt und modifiziert.
So wurden u. a.

  • die Zielgruppe altersmäßig erweitert, um längere Betreuungszeiten zu ermöglichen,
  • das Screening und die Akquise vollständig standardisiert,
  • das Zielvereinbarungsverfahren „GAS“ sowie interne Fallkonferenzen als Standard eingeführt,
  • die Kontaktdichte in der Betreuungsphase festgelegt,
  • das Übergangs- und Übergabemanagement standardisiert,
  • Sprach- und Integrationsmittler (SIM) als systemische Komponente eingeführt.

Standards und Leitfaden

Alle unsere Standards sind, mit dem Ziel einer flächendeckend einheitlichen Arbeitsweise/Methodik, in dem „Leitfaden Kurve kriegen“ verbindlich zusammengefasst. Dieses Regelwerk ist – um in dem anfänglichen Bild zu bleiben – unser Rezept.
Allerdings ist der Leitfaden kein Dogma, sondern wird regelmäßig – aktuell zum zweiten Mal – unter Beteiligung aller Fachkräfte und Einbeziehung externer Expertisen fortgeschrieben.
Durch den Leitfaden besteht ein fest definierter, nachlesbarer Ablauf und eine klare Orientierung, die gerade denen nutzt, die neu zum Team „Kurve kriegen“ hinzukommen. So werden die Umsetzung und der Start in neuen Behörden erleichtert.

Im Grunde also ein ganz einfaches Erfolgsrezept und beileibe keines, das Geheimnisse birgt.  Verbindliche Standards auf hohem Niveau, sorgsam ausgewählte Fachkräfte, ein nachhaltiges Controlling und die sorgfältige Ausführung sind dabei die tragenden Elemente. Darüber hinaus müssen alle, ausführende wie koordinierende Kräfte, bereit sein, das Konzept ständig weiterzuentwickeln und bedarfsorientiert zu verändern, denn einmal gut aufgesetzt ist nicht für immer richtig und gut.