„Kurve kriegen“ in ein Leben ohne Kriminalität

Schule schwänzen, Verweise, Sachbeschädigungen, Prügeleien, Kiffen, Sozialstunden, Raub, Dealen, Untersuchungshaft, Knast … was zunächst harmlos anfängt, endet fatal.

Und nicht immer hört das, was so anfängt von alleine wieder auf. Manche Lebensläufe steuern schon in jungen Jahren geradewegs auf eine Intensivtäterkarriere zu. Genau auf diese fokussiert die NRW-Initiative „Kurve kriegen“:

Frühzeitig entdecken, richtig reagieren und passgenau helfen, individuell arbeiten und nachhaltig verhindern. Polizei und Jugendhilfe, Seite an Seite.

Wie es im Leben solcher Kinder, die nicht nur Probleme machen, sondern auch haben, aussieht, erfahren Sie unten am Beispiel von Marvin, 11 Jahre. Einer von denen, die ohne Unterstützung durch „Kurve kriegen“ abdriften würden – in Richtung Kriminalität.

Ein Junge in Abwehrhaltung gegen einen Faustschlag

Marvin – mit einem Rucksack voller Probleme auf dem besten Weg falsch abzubiegen

Marvin geht man besser aus dem Weg. Marvin ist 11 Jahre alt und eher schmächtig, aber alle in seinem Stadtteil kennen ihn. Man geht ihm aus dem Weg, wenn man keinen Ärger will. Denn Marvin ist aggressiv und gewalttätig, wenn ihm etwas nicht passt, dann reicht es schon, wenn einer dumm guckt.

Angefangen hat das schon in der Grundschule, da war Marvin sieben und keiner wollte etwas mit ihm zu tun haben. „Der hat wieder seine dollen fünf Minuten, bleibt weg von dem“ sagten Lehrer, wenn er wieder mal ausrastete, um sich schlug und trat. Man war froh, wenn er nicht zur Schule kam. Und das kam oft vor. Das Schlagen hatte er sich bei seinem alkoholkranken Vater abgeguckt und bei seinem großen Bruder, der dafür schon mal im Knast war. Seine Mutter war kaum eine Hilfe, sie musste sich um das Notwendigste kümmern, putzen gehen, damit überhaupt etwas Geld da war. Auch sie hatte sich an die Schläge schon lange gewöhnt. Marvin gewöhnte sich auch daran, aber er gab sie weiter. Zuhause bekam er Schläge, draußen verteilte er sie dann an andere. Mal Opfer, mal Täter. Keiner interessierte sich für ihn, erst als er in eine Clique Gleichgesinnter kam, ausnahmslos alle älter als er, fühlte er sich das erste Mal anerkannt. Wenn er andere „abzockte“ und beraubte und das Diebesgut an seine Freunde verteilte. Die sagten dann: „Der Kleine hat’s drauf!“ In allem war er schnell der Härteste, beim Klauen, beim Zuschlagen, beim Alkohol und Kiffen. Und in der Nachbarschaft sagten alle: “Der wird mal wie sein Bruder, nur schlimmer. Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Der hat keine Chance!“ Marvin hätte gerne auch mal richtige Freunde gehabt, die ihn zum Geburtstag einladen oder mit ihm Fußballspielen gehen. Freunde, denen man nichts beweisen muss, Freunde die verstehen, dass man Koch werden will, nicht Gangster. Freunde die verstehen, dass man Angst hat wie der eigene Vater oder Bruder zu werden, Angst vor der eigenen Zukunft, wenn man gerade mal 11 ist.

Solche Geschichten, solche Kinder und Jugendliche kennen wir alle, die mit auffälligen Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Sie begegnen uns in der täglichen Arbeit, in der Schule, in Familien. Abwarten, weggucken, nichts tun ist keine Lösung, hilft nämlich nicht und macht vieles nur schlimmer – insbesondere natürlich für ihre Opfer. Aber: Diese Kinder machen nicht nur Probleme, sie haben sie auch eine ganze Menge davon.

„Kurve kriegen“ setzt genau hier an:

  • Gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften begleitet die nordrhein-westfälische Polizei Kinder und Jugendliche dabei, die Kurve in ein Leben ohne Kriminalität zu kriegen
  • Passgenaue, individuelle Angebote für die Teilnehmenden, die an den Ursachen für Kriminalität ansetzen
  • Konkreter Austausch mit Sorgeberechtigten, Angehörigen, Jugendämtern und Schulen

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Der direkte Draht zur Initiative

„Da läuft was aus dem Ruder!“

Mehrfachtatverdächtige, Intensivtäterinnen und Intensivtäter, Systemsprengerinnen und Systemsprenger – das ist das Vokabular, mit dem die Wissenschaft, Strafverfolgungsbehörden oder die Jugendhilfe Menschen skizziert, die deutlich und dauerhaft jenseits des sozial erwünschten und rechtlich normierten Verhaltens auffallen. Alles andere als entwicklungstypisch. Alles andere als normal. Alles andere als einfach.

Häufig enden solche Karrieren in Haft und sozialer Isolation. Soweit muss es nicht kommen.

Die NRW-Initiative „Kurve kriegen“ arbeitet seit 2011 erfolgreich daran, die Lebensläufe und –umstände von jungen und sehr jungen Menschen, die bereits sehr früh polizeilich auffallen, genauestens zu analysieren und passgenaue Interventionen und Hilfen zu erarbeiten und umzusetzen.

Dabei basiert „Kurve kriegen“ auf der Erkenntnis, dass leichte und frühe Delinquenz häufig den Weg in schwere und dauerhafte Kriminalität bahnt, gleichzeitig aber auch Quelle für das Lösen von Entwicklungsaufgaben/-problemen ist.

Es gilt also, möglichst frühzeitig zu erkennen, ob jemand auf die „schiefe Bahn“ gerät: Schon nach ersten Strafanzeigen aufmerksam zu sein, Entwicklungen im Blick zu haben. Dabei spielen nicht nur die Taten eine Rolle, sondern ganz erheblich auch die Lebensumstände der Täterinnen und Täter. Gewalterfahrungen, kriminelle Freunde, Betäubungsmittelkonsum (ja, auch das ist ein Problem schon bei Kindern) … all das sind sogenannte Risikofaktoren, die das Risiko, in die dauerhafte Kriminalität abzurutschen stark erhöhen können. Gerade wenn mehrere dieser Faktoren zusammenwirken, kann es „brenzlig“ werden.

Und wenn Sie nun in sich gehen und sich erinnern, dann werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit fündig. Auch Sie kennen vermutlich genau solche Lebensläufe und kommen zu der Bewertung: „Das habe ich mir damals schon gedacht, das musste ja so kommen“.

Soweit soll es aber eben nicht kommen. Wenden Sie sich vorher an uns, nicht erst, „wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“.

Ein junger Straftäter wird von zwei Polizisten abgeführt

Opfer Nummer 21

Auf der „Karriereleiter“ zur oder zum Intensivtäterin oder Intensivtäter hinterlässt man viele Opfer. Zum 25. Geburtstag hat man dann, so wissenschaftliche Untersuchungen, schon ca. 100 beklaut, verprügelt, beraubt oder anderweitig geschädigt. Jedes Opfer ist eines zu viel und Opferschutz ist daher natürlich ein tragendes Element polizeilichen Handelns. Aber mit „Kurve kriegen“ kommen wir „vor die Lage“.

Wie? Indem wir betrachten, warum jemand so ist, wie er/sie ist. Sie sind Täterinnen und Täter, ohne Frage, gleichermaßen aber häufig auch Opfer. Opfer der Umstände, unter denen sie aufwachsen. Oft jahrelang negativ sozialisiert.

„Kurve kriegen“ unterbricht diesen Teufelskreis, indem wir uns den Täterinnen und Täter intensiv widmen.

Wenn wir die Lebensumstände der kriminalitätsgefährdeten jungen Menschen positiv verändern, wird sich ihr Verhalten verändern, wird sich ihre Kriminalität verringern, werden wir weniger Opfer zu beklagen haben.

Kriminalprävention ist der beste Opferschutz!

Ein Jugendlicher mit einem blauen Auge

Da geht was!

Kriminalprävention nicht mit der Gießkanne, sondern mit der Injektionsnadel. Es geht um den Lebensweg jedes Einzelnen. Was hat dazu geführt, dass Kriminalität Teil der Entwicklung wurde, wo liegen die Ursachen, wo sind die Lösungen zu finden? Es geht um hochindividuelle Lösungen für hochindividuelle Problemlagen. Keine Geschichte ist mit einer anderen zu 100% identisch.

Dabei ist „Kurve kriegen“ kein „Kuschelkurs“ für junge Straftäterinnen und Straftäter. Das ist harte Arbeit für alle. Für die Teilnehmenden und deren Eltern gleichermaßen wie für die Jugendhilfe und die Polizei.

Aber es zahlt sich aus. Wissenschaftlich belegt schaffen wir es, Verhalten signifikant zu verändern, Kriminalität zu reduzieren und den jungen Menschen von der schiefen Bahn zu helfen und im wahrsten Sinn der Worte „die Kurve zu kriegen“.

Ein Jugendlicher sitzt einem Supervisor gegenüber

“Kurve kriegen – Kurs halten“

Sie kommen als hochgradig kriminalitätsgefährdet zu uns und wir halten es aus, dass das nicht von jetzt auf gleich abzustellen ist. Sie fliegen nicht bei der nächsten Tat aus dem Programm. Aber die nächste Tat wird ganz sicher ein Thema, verbunden mit der Frage nach dem Warum!

Die Kriminalitätsgefährdung ist quasi der „Beipackzettel“ der Initiative. Aber, der lange Atem der Fachkräfteteams und das abgestimmte Miteinander sowie die Bereitschaft der allermeisten Teilnehmenden und ihrer Familien, sich den Problemen zu stellen, führt letztlich zum Erfolg.

Schon über 800 jungen Menschen und deren Familien konnten wir helfen. Das geht nicht über Nacht. Es dauert durchschnittlich über zwei Jahre, bis wir sicher sein können, dass die herbeigeführten Veränderungen nachhaltig tragen. Manchmal auch deutlich länger. Und darüber hinaus begleiten unsere Expertinnen und Experten auch den Übergang, ggf. mit weiterer Betreuung im Regelsystem der Jugendhilfe. Viele unserer Teilnehmenden haben ihre Bildungsbiografien vervollständigt, Schulabschlüsse gemacht und Ausbildungen begonnen. Sie leben straffrei und einige von ihnen bleiben noch lange Zeit nach ihrer Teilnahme mit unseren Teams in Kontakt.

Ein Jugendlicher setzt an zu einem Sprint

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In der Rubrik „ Standorte“ finden Sie die Kontaktdaten aller wichtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner.

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