v.l.n.r. Wolfgang Klein (Polizeilicher Ansprechpartner/Paderborn), Christian Reinartz (Polizeilicher Ansprechpartner/Essen), Uwe Schmidt (Polizeilicher Ansprechpartner/Paderborn), Stefan Bohm (Pädagogische Fachkraft/Recklinghausen), Thomas Kranjc (Polizeilicher Ansprechpartner/Recklinghausen), Wolfgang Wendelmann (Steuerungsgruppe IM NRW), Jörg K. Unkrig (Steuerungsgruppe IM NRW), Christina Vieten (Steuerungsgruppe IM NRW), Stefan Hoeps (Pädagogische Fachkraft/Essen), Birgit Marschall-Littwin (Pädagogische Fachkraft/Essen), Constanze Kretzschmar (Pädagogische Fachkraft/Paderborn), Jürgen Kenkel (Pädagogische Fachkraft/Paderborn) 

 

Am 6. und 7. Februar 2019 richtete das Haus des Jugendrechts Paderborn den zweiten bundesweiten Fachkongress der Häuser des Jugendrechts aus.

Von den „Kurve kriegen“-Standorten Essen, Münster, Paderborn und Recklinghausen nahmen PFK und PAP an dem Fachkongress teil.

Nach den Eröffnungsbeiträgen von Stadt, Kreis und Justiz erreichte die Teilnehmenden auch die Videobotschaft des NRW-Innenministers Herbert Reul.

Über 400 Fachleute der Jugendhilfe, Polizei, Justiz, Politik und Forschung verfolgten im Heinz Nixdorf MuseumsForum an den beiden Tagen Vorträge von Herrn Professor Bliesener vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, Herrn Professor Baumann von der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf sowie von Herrn Diplom-Politologen Bernd Holthusen vom Deutschen Jugendinstitut München. 

Herr Bliesener referierte über Mehrfachtatverdächtige, erläuterte Risikofaktoren sowie Entstehungsverläufe von delinquentem Verhalten und hob gleichzeitig Schutzfaktoren gegen solche Entwicklungen hervor. Er beschrieb „Kurve kriegen“ als wirksames, kriminalpräventives Instrument bei der Verhinderung von kriminellen Karrieren, da unsere pädagogischen Fachkräfte vor Ort auf die verschiedenen Lebensbereiche (Familie, Schule, Freunde und Freizeit) der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen positiv einwirken. Für Stefan Bohm (PFK) und Thomas Kranjc (PAP) vom Standort Recklinghausen hat Herr Bliesener „auch eindrucksvoll die methodischen Grundlagen und letztlich die Konzepte bestätigt, die die Häuser des Jugendrechts und auch „Kurve kriegen“ auszeichnen“. 

Im zweiten Vortrag beschäftigte sich Herr Baumann mit einer recht kleinen, aber für die beteiligten Professionen sehr herausfordernden Gruppe von Kindern und Jugendlichen, den sog. „Systemsprengern“. Für Baumann ist „Systemsprenger“ weder eine Persönlichkeitseigenschaft noch eine Diagnose sondern vielmehr das Fazit aus der Beschreibung eines Interaktionsprozesses. In diesem Sinne könne das jeweilige Handeln der Person auch als eine Kompetenz angesehen werden, was möglicherweise für Fachkräfte aus Jugendhilfe, Polizei und Justiz eine neue Betrachtungsweise darstellt und dadurch Handlungsalternativen und Möglichkeiten eröffnet. Diese und alle weiteren beteiligten Systeme wie z.B. Schule müssten nach Baumann „vor allem drei Dinge können: Aushalten, Verstehen und flexibel Begleiten!“ . So plädiert er auch für eine langfristige, verlässliche und vertrauensvolle Betreuung dieser jungen Menschen durch Fachkräfte. Also etwas, was „Kurve kriegen“ ausmacht und im Programm durch die pädagogischen Fachkräfte umgesetzt wird.
Constanze Kretzschmar und Jürgen Kenkel (beide PFK) vom Standort Paderborn sehen diese Aspekte gerade bei „Kurve kriegen“ gegeben, indem sie in den sensiblen Phasen – z.B. Schulwechsel und Pubertät – mehr auf das schauen, was die jungen Menschen antreibt und bewegt, als nur auf das, was sie tun. Nur dann sei es möglich, passende Hilfen sowie eine kontinuierliche Betreuung zu gewährleisten und damit kriminalpräventiv zu wirken.

Der zweite Kongresstag stand ganz im Zeichen von „Kooperation und Vernetzung“. Einführend hielt Herr Holthusen einen Vortrag zu dieser Thematik. Für ihn gibt es vielfältige Herausforderungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, die bearbeitet werden müssen. Verschiedene Institutionen müssen seiner Ansicht nach zusammenkommen, und dürfen sich nicht gegenseitig blockieren. „Es muss immer lokal angepasste Kooperationen zwischen den Institutionen geben“ ist aus Holthusens Sicht bedeutsam. Die Berücksichtigung der Perspektive der jungen Menschen sei dabei unablässig wichtig und in die konkrete Arbeit einzubeziehen.

Es folgten Präsentationen der beiden Häuser des Jugendrechts Stuttgart – seines Zeichens das Erste bundesweit vor zwanzig Jahren – und Paderborn als Ausrichter des Fachkongresses. Im Anschluss daran öffnete der „Markt der Möglichkeiten“; eine Gelegenheit für alle Teilnehmenden, sich über die verschiedenen Häuser des Jugendrechts, aber auch über die Angebote der Netzwerkpartner vor Ort aus Jugendhilfe, Wohlfahrtspflege, Berufsbildung, Gesundheitswesen, Justiz und Polizei zu informieren. Dort war auch unsere Initiative „Kurve kriegen“ mit einem eigenen Stand vertreten, der auf großes Interesse bei den Fachkräften aus unterschiedlichsten Bundesländern stieß. Es wurden viele Gespräche geführt, Kontakte geknüpft und Fachwissen ausgetauscht.

So hatte die Teilnahme am Fachtag Birgit Marschall-Littwin und Stefan Hoeps (beide PFK) vom Standort Essen  in der eigenen Arbeitsweise im Rahmen von „Kurve kriegen“ bestätigt.

Uwe Schmidt, Polizeilicher Ansprechpartner „Kurve kriegen“ und Koordinator im Haus des Jugendrechts in Paderborn ist, zieht ein sehr positives Fazit: „Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen! Die hervorragenden Vorträge und die zahlreichen Fachleute aus den unterschiedlichen Professionen haben den Kongress zu einem vollen Erfolg gemacht.“

Am Ende der Veranstaltung war man sich einig, dass in Zukunft weitere Fachkongresse der Häuser des Jugendrechts ausgerichtet werden sollen.