Junge Person im Vordergrund mit hellgrauer Weste hält einen Kochlöffel in die Kamera, im Hintergrund steht eine Frau mit verschränkten Armen vor blauen Lamellenwänden

Mit 14 schon 30 Anzeigen. Dann hat Maik Henkel die Kurve gekriegt. Mit Hilfe des Programms „Kurve kriegen“, mit dem straffällige Kinder und Jugendliche seit 15 Jahren von der schiefen Bahn geholt werden. 1.600 kriminelle Karrieren erfolgreich gestoppt.

Die erste, die kriminelle, Karriere von Maik Henkel, der anders heißt, aber heute tatsächlich 17 Jahre alt ist, beginnt mit elf. Er fängt an zu rauchen, macht Stress in der Schule, physische Angriffe und Beleidigungen sind die Regel. Weil er ein Jahr später die ersten Straftaten begeht, gerät er ins Blickfeld der Polizei. Die holt Sara Glanz mit ins Boot. Glanz ist pädagogische Fachkraft der NRW-Initiative „Kurve kriegen“. In der Theorie ist der Junge ein perfekter Kandidat für das Projekt zur Verhinderung von Jugendkriminalität.

In der Praxis funktioniert der Plan aber nicht, der Neusser ist (noch) nicht bereit, nach ein paar Monaten gibt er auf. Seine Verbrechenslaufbahn nimmt danach zügig weiter Fahrt auf, Ecstasy, Gras und andere Dinge wollen bezahlt werden. Immer wieder gibt es Anzeigen wegen räuberischer Erpressung, gefährliche Körperverletzung, gar schwerer räuberischer Erpressung. Im Alter von 14 Jahren zählen die Behörden schon satte 30 Delikte.

Das war eine ganz schwierige Zeit, die Straftaten von Maik wurden immer härter, aber ‚Kurve kriegen‘ ist drangeblieben, weil wir wussten, da geht was.

Sara Glanz

Pädagogische Fachkraft

Da geht was. Mit diesen drei Worten kann man die kriminalpräventive Initiative, die in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag feiert, gut zusammenfassen. Gestartet in acht Behörden ist diese mittlerweile in 42 Kreispolizeibehörden in NRW fester Bestandteil der kriminalpräventiven Arbeit. „Wir zielen darauf ab, besonders kriminalitätsgefährdete Kinder und Jugendliche so früh wie möglich zu erkennen – und diese durch individuelle Betreuung sowie Maßnahmen nachhaltig vor einem dauerhaften Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren“, erläutert Wolfgang Wendelmann. Der Erste Kriminalhauptkommissar leitet das bundesweit einmalige Projekt gemeinsam mit seinem Kollegen Jörg Unkrig. Das Duo steuert „Kurve kriegen“ schon seit dem Start und begleitet genauso lange die lokalen Fachkräfteteams bei der konkreten Umsetzung.

Bei „Kurve kriegen“ stehen neben Art und Umfang der strafrechtlichen Auffälligkeiten die Lebensumstände der Kinder und jungen Jugendlichen im Fokus. Damit ein lückenloses „Screening“ gelingt, arbeitet die Polizei mit lokalen Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe zusammen. Diese stellen wiederum pädagogische Fachkräfte wie Sara Glanz zur Verfügung. Glanz und Co. gehen zunächst den individuellen Ursachen für das kriminelle Verhalten auf den Grund – und bieten den Teilnehmenden und ihren Familien im nächsten Schritt individuelle Hilfsangebote. „Das war und ist alles keine Raketenwissenschaft“, unterstreicht Jörg Unkrig.

Wir haben damals nur die bestehenden Bausteine neu sortiert und alle Player, also Polizei, Jugendhilfe sowie die Kommunen enger miteinander verbunden.

Jörg Unkrig

Mitarbeiter im Referat 424 „Kriminalprävention und Opferschutz"

Heute sieht das Programm, das mit acht teilnehmenden Kreispolizeibehörden als Pilotprojekt begann, im Übrigen durchaus anders aus als beim Start Anfang der 2010er Jahre. Zum einen wurde es auf bis dato 42 Kreispolizeibehörden ausgerollt und zum anderen immer wieder inhaltlich angepasst.

Erfahrene Wissenschaftler begleiten uns permanent bei der Arbeit, um diese zu optimieren oder den sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Denn auch unsere ‚Klientel‘ hat sich verändert, es wird im Mittel jünger, weiblicher und gewaltbereiter.

Jörg Unkrig

Mitarbeiter im Referat 424 „Kriminalprävention und Opferschutz"

Zwei Herren mit verschränkten Armen und Händen in den Hosentaschen stehen vor einer bunten Graffiti-Wand mit Herzmotiv und Schriftzügen.

Maik Henkel ist gerade 14 Jahre alt, da stellt ein Richter einen Haftbefehl aus. Ein paar Wochen später wird er am Neusser Hauptbahnhof verhaftet. Vor Gericht ist schnell klar: Wenn er diesmal nicht ernst macht mit dem Programm, wird es nichts mit einer Bewährungsstrafe. Er willigt ein. Sara Glanz findet für ihren Schützling einen Platz in einer sogenannten Verselbständigungsgruppe, einer betreuten Wohngemeinschaft mit zwei anderen Jungs, die eine gute Vorbereitung auf ein späteres, eigenes Leben darstellt. Henkel, der schon länger davon träumt, Koch zu werden, bekommt zudem einen Praktikumsstelle in einem nahegelegenen Restaurant. Jeden Morgen muss er dort nun um sieben Uhr auf der Matte stehen, früher unvorstellbar. Im Sommer 2024 verwandelt sich das Praktikum in eine reguläre dreijährige Ausbildung.

Mehr als 1600 junge Menschen wie Maik Henkel hat das Projekt in eineinhalb Jahrzehnten dauerhaft von der berühmt-berüchtigten „schiefen Bahn“ geholt. Über 98 Prozent der Absolventen werden nicht wieder rückfällig, kriegen also die Kurve - nachhaltig. Aktuell zählt das Programm in NRW 700 Teilnehmende. Natürlich hat Kriminalprävention wie „Kurve kriegen“ auch ein Preisschild – aber Wolfgang Wendelmann rechnet vor: „Studien zeigen, dass eine kriminelle Karriere allein bis zum 25. Lebensjahr den Steuerzahler im Schnitt 1,7 Millionen Euro kostet. Eingesetzt werden durchschnittlich etwa 30.000 Euro pro Teilnehmer. Zudem können bei entsprechender Betreuung 100 Opfer dieser Laufbahn verhindert werden.“ Und noch zwei Zahlen zu 15 Jahren „Kurve kriegen“: Zumeist dauert die Begleitung zweieinhalb Jahre, zuweilen kann diese aber auch doppelt so lang sein. Wer ins Programm aufgenommen wird, ist im Schnitt 12,5 Jahre alt.

Mit 12 oder 13 Jahren sind die Erfolgsaussichten viel größer, Kinder sind noch deutlich formbarer als ein 16-jähriger Jugendlicher.

Wolfgang Wendelmann

Mitarbeiter im Referat 424 „Kriminalprävention und Opferschutz"

Sicherlich laufen nicht alle „Kurve-kriegen“-Karrieren so glänzend wie die des Nachwuchs-Kochs aus Neuss. Sein Ziel, sein Traum, ist irgendwann mal die Sterne-Gastronomie. Etwas näher liegt der Wunsch nach einer eigenen Wohnung. Maik Henkel war auch dabei, als sich Ende vergangenen Jahres zwei aktuelle und eine ehemalige Kurve-kriegen-Teilnehmende mit Herbert Reul im Ministerium in der Düsseldorfer Innenstadt trafen. Der NRW-Innenminister wollte die (graue) Präventions-Theorie mal aus erster Hand erfahren – und war schwer beeindruckt. Eine Stunde lang diskutierte die Runde über alte und neue Lebenswege. Herbert Reul nach dem Gespräch: „Wenn ich mir eure Biografien anschaue und sie mit meiner vergleiche, muss ich mit Demut feststellen, dass Ihr in eurer kurzen Lebenszeit mehr erleben und bewältigen musstet, als ich bis heute.“

Wenn ich mir eure Biografien anschaue und sie mit meiner vergleiche, muss ich mit Demut feststellen, dass Ihr in eurer kurzen Lebenszeit mehr erleben und bewältigen musstet, als ich bis heute.

Herbert Reul

NRW-Innenminister

Autor: Jochen Schuster